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Interview mit Gabriele Eibner – Deutsche in Paris

Mein Name ist Gabriele Eibner, ich bin 49 Jahre alt und lebe seit 1983 in Paris. Ich komme aus Stuttgart,  habe meine ersten Lebensjahre in Ägypten verbracht und hatte das Glück, mein 13. Lebensjahr in Libyen zu verbringen zu dürfen. Diese ersten Auslandserlebnisse waren sicherlich sehr ausschlaggebend für meinen Umzug nach Frankreich. Heute lebe ich in Garches.

Warum Paris?
Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, dass ich mit meinem Koffer am 23. Juni 1983 um 6:35 h am Gare de l’Est aus dem Zug gestiegen bin. Aufregende Großstadtgerüche zogen um meine Nase und die Menschenmenge hatte mit der in Stuttgart nur wenig gemeinsam. Nordafrikaner, Asiaten, Afrikaner, Franzosen, Leute in Trachten, Geschäftsleute… 2 Monate vorher hatte ich durch meine Mitarbeit an einem Hängemodel von Gaudi im Rahmen der Wanderausstellung „Gesamtkunstwerk“ meinen damaligen Lebensgefährten kennengelernt. Seinem Angebot ihm nach Paris zu folgen konnte ich nicht widerstehen und so bin ich dem Ruf des Abenteuers gefolgt.

Beruf
Zunächst ging es darum, Französisch zu lernen. Die ersten 3 Monate verbrachte ich damit, mit den Bäckern, Metzgern und all denjenigen, die in meinem Viertel wohnten, zu plaudern. Dabei lernte ich nicht nur die Sprache, sondern auch Kochrezepte und vor allem die Pariser Lebensart. Nach 6 Monaten waren das Sprechen sowie das Schreiben keine Schwierigkeit mehr. Allerdings dauerte es lange, die hiesige Mentalität zu verstehen. Obgleich wir geographisch gesehen Nachbarn sind, brauchte ich ca. 4 Jahre, um die verschiedenen Nuancen der Franzosen zu erfassen.

Als Autodidaktin zog ich zunächst beruflich zwischen Prêt-à-Porter, Public Relations und klassischer Pressearbeit herum, bis mir dann angeboten wurde, eine Agentur aufzubauen. „Crayon Noir“ war eine Kommunikationsagentur, die auf firmeninterne Zeitschriften spezialisiert war. Vier Jahre später beherrschte ich so ziemlich alles, was mit Kommunikation, Druckerei, Kunden, Journalismus, Organisation und Management zu tun hatte.

Mehrere berufliche Erfahrungen und einige Jahre später brachte ich eine zweite Firma auf den Weg. „Dog Generation“ produzierte und verkaufte das erste Hundeparfüm „Oh my dog!“ im selektiven Vertrieb. Leider hatte der 11. September 2001 einen verheerenden Einfluss auf den Umsatz. 4 Jahre später wurde die Firma verkauft und damit fing ein neues Abenteuer für mich an.

Wie das Leben so spielt, hatte ich das große Glück, Mike Burke in Paris kennenzulernen. Mike ist Soziologe und hat das erste Observatorium für europäische Tendenzen im Rahmen seiner Tätigkeit bei Havas RSCG Worldwide initiiert. Mike Burke hat sein erstes Buch – über weibliche und männliche sozialkulturelle Werte im politischen Leben – vor 10 Jahren geschrieben. Sein 2005 zu diesem Thema herausgegebene Buch „Emergence des valeurs féminines dans l’entreprise“ – oder in Englisch „The silent revolution: The emergence of feminine values in the work place“ – führte uns zusammen.

Mike hat das, was ich selbst erlebt habe – aber nicht in präzise Worte umsetzen konnte, so aufs Papier gebracht, dass bei mir ein riesengroßer Aha-Effekt stattfand. Er ist der erste, der diese weibliche Art und Weise mit der Welt umzugehen als positiv beschreibt und vor allem unumgänglich beschreibt.

Natürlich hatte ich bemerkt, dass ich im Berufsleben anders funktioniere wie meine männlichen Kollegen oder Arbeitgeber. Ich kam häufig zu besseren Ergebnissen, schaute zu, dass alle Beteiligten an einem Projekt gleichermaßen zufrieden sind, hatte oft die richtige Idee im richtigen Moment, war bei meinen Kunden und Lieferanten beliebt usw.

Was ich allerdings nicht bekam, war Anerkennung dafür. Es war so, als ob meine Herangehensweise keinen Platz im Arbeitssystem hätte. Mit den Jahren habe ich dann begriffen, dass unser heutiges Arbeitssystem nach sehr althergebrachten Normen funktioniert und vor allem, dass dieses auf männlichen Werten basierende System noch keine Akzeptanz weiblichen Werten gegenüber besitzt. Dabei agieren weibliche Werte ständig in der Arbeitswelt. Nur hat man ihnen noch keine offizielle Kategorie zugestanden.

Frauen haben einen natürlicheren Zugang zum weiblichen Wert-Potenzial als Männer. Für Männer sind männliche Werte einfacher. In der heutigen Arbeitswelt stecken Frauen sehr häufig ihre „weiblichen Werte“ weg, um in einem männlich orientierten Umfeld erfolgreich zu arbeiten. Stellen wir uns doch einmal vor, welche Befreiung es für Frauen wäre, wenn sie nicht mehr so tun müssten, als ob sie virile starke Super-„Männer“ wären. Ich bin überzeugt, dass das dabei entwickelte Selbstgefühl radikal in die Höhe steigen würde und die Leistungen gleichwertig mit steigen würden. Ich sehe das jeden Tag. Diejenigen, die sich über diese zwei Wertesysteme im Klaren sind, fühlen sich so viel besser und haben es nicht mehr nötig, Energie in „Hahnenkämpfen“ zu verlieren. Sie können diese Energie in positive „win-win“- Entwicklungen stecken.

Mein Anliegen liegt nicht darin, weibliche Werte männlichen Werten vorzuziehen. Es geht darum, jeweils das Wertesystem in Gang zu setzen, dass einer spezifischen Situation die beste Lösung bringt.

Heute bin ich Berater für Change Management mit Schwerpunkt auf sozialkulturellen Werten und gebe spezifische Schulungen zu diesem Thema, immer individuell auf die jeweilige Gruppe zugeschnitten.  Regelmäßig arbeite ich an sozialen Netzwerkprojekten und organisiere im Rahmen der Leadership Women Association on-line und off-line Konferenzen, schreibe Newsletter und suche nach den Leuten, die in puncto nachhaltiger Entwicklung, menschlichem Potenzial sowie weiblichen Werten neue Ideen bringen, um sie über das LWA-Netzwerk einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Meine Integration
Wie ich schon erwähnt habe, bin ich zunächst aus persönlichen Gründen nach Frankreich gezogen. Ich war also nicht mutterseelenallein, konnte am Anfang mit meiner englischen Zweitsprache navigieren und hatte den Vorteil, gutgesinnte Leute um mich zu haben.  Auch war ich sehr neugierig auf die französische Kultur und stand deshalb diesen unbekannten Dingen sehr offen gegenüber. Wäre ich als großmütige deutsche Besserwisserin auf die Leute losgegangen, hätte ich mir wahrscheinlich einigen Ärger eingehandelt.

Ich wurde damals „von Hand zu Hand“ gereicht. Zunächst wollte meine Umgebung sehen, wer ich bin und was in mir steckt. Wenn sie dann zufrieden waren, wurden mir die Türen geöffnet. Ich denke, dass das Etikett „Made in Germany“ dabei positiv mitgewirkt hat.

Anders als in Stuttgart, waren die hiesigen Behörden Anfang der 80iger Jahren furchtbar. Wenn man in Deutschland ein offizielles Dokument wollte, bekam man eine Liste von Papieren, die man vorzeigen musste. Der Rest war eine Frage der Zeit. Als ich nach meinem ersten Jahr in Paris eine Aufenthaltsgenehmigung beantragte, bekam ich auch eine Liste. Nach deutschem Vorbild habe ich alles zusammengesucht und bin ganz stolz wieder zur „Prefecture“ gegangen, habe meine 2 bis 3 Stunden Wartezeit abgesessen, um dann zu hören, dass da noch so ein Papier fehlen würde. Auf der Liste stand das zwar nicht, aber es sei unumgänglich. So ging das noch zweimal.

Irgendwann platzte mir dann der Kragen was zu einem Beschwerdeschreiben an den damaligen Bürgermeister Jacques Chirac geschickt. Der hat mir geantwortet, gab mir einen neuen Termin, an welchem ich dann mit einem „roten Teppich“ empfangen wurde. 20 Minuten später stand ich mit meiner Aufenthaltsgenehmigung wieder auf der Straße.

Später habe ich dieses Verhalten auch bei anderen Gelegenheiten festgestellt und seither wende ich mich immer direkt an den Chef. Das war eine aufschlussreiche Erfahrung, die mir später viel Zeit und Ärger in Frankreich ersparte.

Frankreich und Paris
Bei uns sagt man: „Leben wie Gott in Frankreich“. Das stimmt auch, wenn es sich auf Wein, Käse und Fantasie beschränkt. Im Gegensatz zu Deutschland, läuft auch heute noch alles in Paris ab, wie zu Zeiten der Könige. Offen wird das zwar nicht zugegeben, aber unter der Hand ist sich die Mehrheit über diesen Punkt einig. In den letzten Jahren hat der Staat versucht, gewisse Verwaltungen in andere Städte umzusiedeln.  Der Erfolg ist durchwachsen. Paris ist und bleibt das Geschäfts- und Staatszentrum.

Lange Zeit habe ich im Pariser Zentrum gelebt, was einen unbestreitbaren Vorteil für Alleinstehende hat. Mit der Metro ist man einfach schnell überall, auch noch spät abends. Kultur gibt es an jeder Ecke und Lebensmittel kann man bis Mitternacht kaufen. Erst als meine Tochter auf die Welt kam, habe ich mir eine grüne, ruhige Gegend gesucht, die trotzdem nicht weit entfernt liegt und mit Zug, Bus und Metro leicht erreichbar ist. Das Auto bleibt so oft wie möglich in der Garage.

Für mich ist Paris nach wie vor eine der schönsten Städte Europas. Selbst nach 30 Jahren finde ich immer noch etwas Neues. Geschichte, Architektur, Klima, Licht, Kultur, Menschen, Chaos und eine Lebensweise, die mir gefällt. Alles in allem ist Paris einer der besten Lebenskompromisse in Europa. Aber das ist natürlich nur eine sehr persönliche Ansicht.

Gabriele Eibner
Oktober 2010
Leadership Women Association

Heute : Praticienne de Gestalt-Thérapie

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