Wissenswertes

Die französische Ecole maternelle auf dem deutschen Prüfstand

Sie leben in Paris, haben ein Kind zwischen 2 und 6 Jahren und stellen sich viele Fragen zu dem französischen System der Vorschule.  DIP beleuchtet das System Frankreichs Vorschulen, deren Mission seit der Gründung der Ecole maternelle im Jahre 1881 festgelegt ist.

Die école maternelle nimmt etwa ein Viertel der 2jährigen Kinder und praktisch alle Kinder im Alter von 3-6 auf. Die Aufnahme von 2-jährigen Kindern in ein Vorschulsystem ist weltweit nur in Frankreich und in Belgien möglich und gilt daher häufig als Vorbild für andere Staaten. Die frühe Einschulung soll den Kindern früh ermöglichen, das gleiche Bildungsniveau zu erreichen – ein Grundsatz der französischen Egalité.

Die Ecole maternelle ist in drei Sektionen eingeteilt: die kleine, mittlere und die große Sektion. Sie sind mit viel Methodik aufgebaut und helfen dem Kind, sich auszudrücken, in Ruhe ein Gedicht oder ein Märchen anzuhören und die Anweisungen der Erzieher korrekt zu befolgen. In der Anfangsphase wird mehr beobachtet und später mehr das Verständnis gefördert. Die Ansprüche an den sprachlichen Ausdruck und an die Schreibfähigkeit steigen mit jeder Sektion. Die Hauptlernziele sind in Kompetenzbereiche unterteilt: in 24 Wochenstunden (864 Stunden im Jahr) widmen sich die Kinder dem Wortschatz der französischen Sprache und Literatur, der bereits strukturiert verwendet wird und vom Gegenüber auch verstanden werden muss. Zudem wird künstlerisches Werken, körperlicher Ausdruck, Rechnen und Sport unterrichtet. Motorische, sensorielle, beziehungstechnische und intellektuelle Fähigkeiten werden gefördert. Mitschüler müssen respektvoll behandelt werden und die Kinder solllen die Welt entdecken.

Für Kinder, die nicht durch den französischen Vorschulgarten geschleust wurden und alternative Strukturen aufgesucht haben, gibt es in der ersten Klasse oft ein böses Erwachen: in der ersten französischen Klasse (CP) wird auf den Erwerb der Grundkenntnisse zurückgegriffen, so muss das Kind bereits alle Buchstaben kennen und sich in einem Zahlenraum bis 20 bewegen können. Ein Kind ohne diese Vorkenntnisse fällt schnell aus dem Raster.

Spielen, toben, Unsinn machen und Träumen stehen weniger auf dem Programm, sondern sind im geregelten Rahmen nur in den Pausen erlaubt. Damit hat das französische System praktisch den genau gegenteiligen Ansatz deutscher Bildungs- und Erziehungseinrichtungen für Kinder von 2-6 Jahren. Es gibt auch keine Oster-, Weihnachts-, Halloween und Nikolausbastelveranstaltungen, bei denen es praktisch ein Sakrileg ist, dem Kind etwas beizubringen.

Jedoch ist es einer französischen Mutter möglich, auch ohne familiäre Hilfe relativ früh wieder arbeiten zu gehen, wenn sie es möchte und wenn sie bereit ist, ihr Kind im frühesten Kindesalter in Erzieher- und Ausbilderhände zu geben. Zumindest demographisch hat das System im Gegensatz zu Deutschland durchaus Erfolge aufzuweisen: Deutschland hat seit 2005 die geringste Zuwachsrate der ganzen Welt:-1% (Quelle: OECD) und jede Frau bekommt statistisch gesehen nur 1,34 Kinder, in Frankreich jedoch 2,1, in keinem europäischen Land ist die Geburtenrate so hoch. Natürlich spielen bei dieser Entwicklung auch noch andere, famillienpolitische Maßnahmen Rolle. Luxus ist, die Wahl für die gewünschte Erziehung zu haben…
DIP liefert eine Reihe von weiterführenden Links zu der Ecole maternelle und der französischen Familienpolitik.

Stand Oktober 2010, Autor : Sabine Salmon

Weitere Informationen
Ecoles maternelles Paris
Verzeichnis deutscher Kindergärten in Paris

Facebook Gruppe Deutsche in Paris

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