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Paris- Lichte Straßen im Abglanz der Zeiten

Für sein neustes Werk „Paris- Lichte Straßen im Abglanz der Zeiten“ hat sich der Autor auf die Spuren der französischen Hauptstadt begeben. Das Buch schildert das Werden der Stadt Paris von ihren Anfängen als Römersiedlung bis hin zur Belle Epoque; bis zu diesem einzigartigen Paradigma also, das durch Baron Haussmann, den Impressionismus, Kubismus, Jugendstil, durch Strawinskys Ballette, den Eiffelturm und anderes  umschrieben wird, kurz, bis zu dem Erscheinungsbild der Stadt, von dem der kulturell Interessierte heute träumt – noch belebt die Kapitale seine Imaginationen, noch steht sie im Banne jener Ausstrahlung.

Das Buch ist  kein Reiseführer. Es handelt nicht publikumswirksame Sehenswürdigkeiten punktuell ab, sondern versucht die Entfaltung der französischen Hauptstadt unter dem Einfluss geistesgeschichtlicher wie sozialer Strömungen zu verstehen.

Es zeigt wichtige kulturgeschichtliche Fundamente auf, aus denen sich das städtische Gebilde wandelt, zum Licht hin formt. Zwei benachbarte Staaten treten aus der Darstellung unweigerlich in ihrer jeweils eigenen Kontur  hervor, Frankreich und Deutschland: Die französische Entwicklung zum Zentralstaat beispielsweise, die deutsche dagegen zum Föderalismus, darüber hinaus die entschieden rationalere französische Mentalität, die sich von der Clarté Descartes über den Absolutismus, die französische Spielart der Architektur, die Aufklärung, die Revolution bis hin zum städtischen Schematismus eines Haussmann und schließlich zum Kubismus fortsetzt, während andererseits das deutsche Gemüt nach Innerlichkeit strebt. Der Autor des Buches trägt beidem Rechnung: er zielt auf Vertiefung und Besinnung, ohne die eine Auseinandersetzung mit dieser ungeheuerlichen Stadt nicht sein kann, jedoch im selben Maße kommt, wenn man so will, eine leichte Komponente hinzu, die den Leser lesen, ihn im Fluss lässt, um den  Impulsen des urbanen Wandels  scheinbar schwerelos zu folgen. Das vorliegende Werk würdigt kulturelle Bildung als Vermittlerin gegenseitiger Akzeptanz, Bewunderung, Begeisterung über Staatsgrenzen hinweg. Es dient jedem, dem daran liegt zu hinterfragen.  Insbesondere eignete es sich für Menschen, die beabsichtigen über eine geraume Zeitspanne in der französischen Metropole zu verweilen, um sich eingehender mit ihrem kulturellen Werden auseinander zu setzen.

Für alle Interessierten hat uns der Autor einen Auszug aus seiner aktuellen Darstellung überlassen.

Hier der Beginn des letzten Kapitels:

Lichteffekte und Glanzstücke (letztes Kapitel)

Von einer Amerikareise am Beginn der 1880er Jahre zurückgekehrt, war der Elektroingenieur Sébillot vor allem gefesselt von den dortigen Beleuchtungstürmen. Mittlerweile waren in Paris die Vorbereitung auf die Weltausstellung 1889 in Gang gekommen mit dem Ergebnis, dass das zuständige Planungskomitee sich ein monumentales, zentral gelegenes Wahrzeichen für die Stadt erwünschte. In Zusammenarbeit mit dem Architekten Jules Bourdais, eben erst berühmt geworden durch den Bau des Trocadéro, entwickelte Sébillot die Idee eines 360 Meter hohen Sonnenturms, der von einem einzigen Punkt aus die gesamte Stadt nachts erhellen sollte. Die alle Maße sprengende Sensation sollte in der Nähe des Pont-Neuf errichtet werden. Die Entscheidung letztlich für den Entwurf Gustav Eiffels, ändert nichts an der Feststellung, dass die Entwicklung der Möglichkeiten künstlicher Beleuchtung eine viel beachtete Zeiterscheinung war.

Nur wenig später entstanden folgende Zeilen:Aber der Maler der Zukunft, das ist ein Kolorist, wie es ihn noch nicht gegeben hat, noch nie!  Manet hat ihn vorbereitet und Du weißt ja selbst, schon die Impressionisten haben stärker mit Farbe gearbeitet als Manet. Diesen Maler der Zukunft – ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich in so kleinen Kneipen herumtreibt, ein paar falsche Backenzähne hat und in Zuavenbordells geht wie ich. Aber mir scheint, ich bin auf dem richtigen Weg, denn ich fühle, dass etwas kommen wird, in einer fernen Zeit, und unsere Mittel müssten nur ausreichen, auf dieses Ziel hinzuarbeiten, ohne zu zweifeln und zu grübeln.“ (Band 3, Seite 156)

Als van Gogh diese Sätze, gerichtet an seinen Bruder Theo, aus dem südfranzösischen Arles nach Paris schrieb, lagen zwei Jahre in der Metropole hinter ihm. Die Konfrontation dort mit der modernen Malerei hatte ihn als Künstler gewandelt. Er vereinigte sich mit dem, was er an neuen Strömungen in der Stadt vorfand. Auch er wandte sich der Farbe zu. Er gewann die Farbe als eigene Kraft, löste sie vom Motiv, um sie mit den Dimensionen der Innerlichkeit zu verbinden. So war van Gogh von Anfang an in der Gemeinschaft der Wegbereiter ein ganz anderer – nicht dass er sich dahin hätte entwickeln müssen – er war es von vorn herein. Er muss gespürt haben, dass jener Kolorist, wie es ihn noch nicht gegeben hat, er selbst war. Im Süden Frankreichs und später in Auvers gelang ihm im Gegenüber der Natur seine Verwirklichung: das Bild als Gleichnis menschlichen Schicksals schlechthin.

Bei der Ankunft van Goghs im März 1886 in Paris, war die Moderne im Entstehen begriffen, bekannt lediglich innerhalb einer kleinen Anhängerschaft im Verbund mit den Künstlern selbst, die untereinander Bilder tauschten oder auch kauften. Ihre dürftigen Möglichkeiten, Werke zu zeigen boten die Restaurants, dann die Räumlichkeiten des Farbenhändlers Tangy am Montmartre und immer wieder mühsam, meist unter Zwistigkeiten organisierte Gruppenaustellungen. Kunsthändler, wenige Exoten unter ihnen wie Durand-Ruel oder van Goghs Bruder Theo, versuchten die Wegbereiter zu unterstützen, soweit dies ihre Erfolglosigkeit zuließ.

Der Durchbruch zur Moderne war von Entbehrungen begleitet. Einige der Maler konnten wenigstens zurückgreifen auf ausreichende finanzielle Mittel: Garantie für Farben, Pinsel und Leinwand – zu ihnen gehörte Manet, Degas, Caillebotte, in späteren Jahren Cézanne. Anderen wie Renoir, Monet, Pissaro, Sisley musste wiederkehrende existenzielle Not die Frage nach dem Rückzug gestellt haben. Nicht ein einziger unter den maßgeblichen Malern ging schließlich diesen Weg, sondern sie zogen trotz jahrzehntelanger Armut, Erfolglosigkeit und Spott die beharrliche Fortsetzung ihrer Arbeit vor.

Gerade zu dem Zeitpunkt, als van Gogh in Paris erschien, war die Gruppe an einem maßgeblichen Punkt ihrer Entwicklung angelangt: an ihrem Scheideweg. Die Ausstellung, die sie 1886 organisierte, war der letzte einer Reihe von gemeinsamen Versuchen, danach ging jeder mehr oder weniger seine eigenen Wege. Einig waren sie sich in ihrer Auflehnung gegen die offiziellen staatlichen Einrichtungen, welche seit dem Ancien Régime in der französischen Malerei bestimmten, was Gültigkeit besaß und was nicht. Die Instrumente der staatlichen Kontrolle gliederten sich in die Acédemie des Beaux-Arts, einer Abteilung des Institut de France, sodann in die Ecole des Beaux-Arts und die Jury der alle zwei Jahre stattfindenden Salonausstellungen. Da die Académie des Beaux-Arts sowohl die Lehrer der Schule als auch die Mitglieder der Jury festlegte, lag die Macht ganz bei ihr. Sowohl Unterricht als auch Bewertung lagen in ihrer Hand. Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen in diesem Frühling des Jahres 1886: die unvermittelte Anwesenheit des Holländers, die letzte gemeinsame Ausstellung der abtrünnigen Maler – und die Reise Durand-Ruels nach New York.

New York war damals das vorläufige Ziel vieler Europäer gewesen, die zum letzten gewaltigen Akt der Besiedlung Amerikas beitrugen: bis 1860 war das Land bis zur „middle-border“, bis etwa zum Mississippi also, besiedelt gewesen, jetzt begann der gewaltige Zug nach Westen, während in der Stadt am Hudson River die ersten Wolkenkratzer emporragten und ganze Straßenzüge verdunkelten. Frankreich selbst war unter den Staaten der Alten Welt kein Auswanderungsland, nur sehr wenige verließen von dort aus ihre Heimat. Auch Durand-Ruel, im Privatleben ein der Monarchie zugewandter Konservativer, muss mit gemischten Gefühlen aufgebrochen sein, in das Land, das die Traditionslast vorgeprägter Normen nicht kannte.

Insgesamt 300 Bilder hatte er zusammengetragen: Monet, Pissarro, Renoir, Manet, Degas, Sisley, Morisot , Boudin und andere waren vertreten. Die Reise begann im März des Jahres 1886. Die Frage nach dem Sinn des Unternehmens war gleichzeitig die nach dem amerikanischen Kunstverständnis. In Europa kursierten darüber vorgefasste Meinungen, die auf abendländischen Maßstäben beruhten. Auch van Gogh war davon nicht frei, wie eine weitere Briefstelle wenige Jahre später belegt:                                                                                  

„…Die Hauptneuigkeit war ein Besuch von McKnight, dem Freund Russells, der übrigens am letzten Sonntag noch einmal hier war. Ich werde auch zu ihm gehen und mir seine Arbeiten ansehen. Ich kenne noch nichts von ihm.                                                                     

Er ist ein Yankee, der vielleicht bessere Sachen macht als die Yankees sonst. Aber ein Yankee ist er doch.                                                    

Ob damit etwas gesagt ist?  Wenn ich seine Bilder oder Zeichnungen gesehen habe, werde ich mich sicher bemühen, seinen Arbeiten gerecht zu werden, ebenso wie dem Menschen.“

Allein diese Worte lehren uns, dass selbst den Neuerern in der Kunst die Frage nach überlieferten Idealen nicht vollends abhanden gekommen war und sie dazu neigten, jene zu beargwöhnen, die nicht darauf zurückgreifen konnten. Durand-Ruel jedoch muss es bei seinem Amerikaversuch um ein Urteil jenseits der Tradition gegangen sein.

Der Kunsthändler kehrte ohne sensationelle Erfolge nach Paris zurück. Auch im neu besiedelten Land gab es Reaktionen, Auseinandersetzungen, die dem Gespött des Pariser Publikums und der dortigen Presse gleich kamen. Im Ganzen aber war ein ernstes Bemühen um Verständnis zu erkennen, sowohl von seiten der Ausstellungsbesucher als auch den Kommentaren der Journalisten. Am 10. April war die Ausstellung eröffnet worden, musste aber am Ende um einen Monat verlängert werden, ein Indiz für die fragende Haltung der Amerikaner. Mehrere Arbeiten wurden verkauft und weitere Ausstellungen für den Herbst geplant.

Durand-Ruel blickte von nun an vertrauensvoll in die Zukunft, er glaubte an die ersehnte Wende. Bereits im darauffolgenden Jahr gründete er eine Filiale in der Fifth Avenue. Natürlich wurde die Achtung der Amerikaner, die all den Strömungen, welche sich in dem Begriff „Impressionismus“ vereinigten, zuteil wurde auch in Paris vernommen und verursachten dort Besonnenheit. Tatsächlich wandten sich für die Moderne die Dinge jetzt auch in Frankreich ganz allmählich zum besseren…

Mehr Informationen zu Buch finden Sie hier: www.provinz-verlag.com

Spiegelhalder, Markus
Paris: Lichte Straßen im Abglanz der Zeiten
Provinz Verlag. Oktober 2016
245 Seiten. 23,00 EURO/ ISBN 978-88-99444-08-2

 

 

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