@Laurent Delhourme
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Kein Lächeln für die Kamera

Laurent Delhourme lebt für den Trubel auf den Pariser Straßen. Mit seiner Fotographie fängt er das Leben in der Metropole ein – wäre da nicht der zweite französische Lockdown. Die Welt vor seinem Objektiv kommt zum Stillstand.

Am 28. Oktober hält Frankreich die Luft an. Die Pandemie hat das Land schon im Frühjahr hart getroffen. Die neuen Maßnahmen im Herbst scheinen angesichts der sprunghaft steigenden Zahlen wirkungslos. Um 20 Uhr spricht Präsident Macron zu seiner Nation und verkündet, was jeder ahnte aber nicht wahrhaben wollte. Der zweite Lockdown ist da. In diesem Moment muss wohl ein lautes Seufzen in einem Apartment im 10. Arrondissement zu hören gewesen sein. Laurent Delhourme hatte schon im Frühjahr mit ansehen müssen, wie das Leben aus seinem geliebten Paris gesaugt wird. Bitter, denn der 52-Jährige bezeichnet sich als „humanistischen Fotografen“. Manch einer würde ihn wohl auch „Street Photographer“ nennen. Aber seiner Meinung nach kann das alles und nichts bedeuten. Delhourme lebt von dem Treiben der Pariserinnen und Pariser. Sein Blick widmet sich dem alltäglichen Geschehen. Manchmal wandert er mehrere Stunden am Tag durch die Stadt, um seine Bilder zu schießen. „Ich gehe nie ohne meine Kamera aus dem Haus“, erzählt er. „Egal ob ich meine Tochter von der Schule abhole oder zum Zahnarzt gehe.“ Schon gut 25 Jahre lebt er nun in der französischen Hauptstadt und geht seiner Leidenschaft nach. Und obwohl Delhourme von seinem Handwerk eigentlich ganz gut leben kann, sträubt er sich dagegen, es „Arbeit“ zu nennen. Fotografie sei eben auch Kunst.

Von Doisneau zu Delhourme
Dieser Weg war aber keinesfalls vorbestimmt. Laurent Delhourme wuchs in Bordeaux an der französischen Atlantikküste auf. Mit Kultur hatte seine Familie nicht wirklich viel am Hut und nur zufällig bekam er während seines Studiums eine Kamera in die Hände. Als Autodidakt begann er in einem kleinen Studio in Bordeaux zu arbeiten. Später schaffte er den Sprung nach Paris, wo er sich mehrere Jahre als Assistent in der Modebranche über Wasser hielt. Mittlerweile ist Delhourme sein eigener Chef. Er setzt Werbekampagnen für große Unternehmen um. Manchmal ist er auch als Pressefotograf unterwegs oder begleitet Fernsehproduktionen für große französische Sender. Spaziergänge mit seiner Kamera bleiben aber Delhourmes Lieblingstätigkeit. Wer schon einmal von Namen wie Robert Doisneau oder Elliott Erwitt gehört hat, wird auch etwas von ihnen in den Bildern des Franzosen wiederfinden. Schwarz-weiße Gesichter und Menschen, die in dynamischen Winkeln und Situationen durch die Stadt hetzen. Was für ihn ein gutes Foto ausmacht? Delhourme findet, ein Foto braucht nicht den perfekten Ausschnitt oder Arrangement, solange es Emotionen ausstrahlt. Selbst zu viel Farbe stört ihn. „Ich empfinde mehr, wenn ich eine Fotographie in schwarz-weiß vor mir habe. Farben können einen leicht vom Subjekt ablenken“. Dass manch einer ihn auf der Straße auch mal verwundert anschaut, fällt ihm heute schon gar nicht mehr auf. Wenn er mit seiner Leica einen „Spaziergang“ unternimmt, meint Delhourme, fühlt er sich ganz transparent. Und tatsächlich: Mit seiner unscheinbaren Statur fällt der grauhaarige Franzose hinter seiner Kamera kaum auf.

Paris im Stillstand
Schwarz-weiß, wie seine Fotografien, dürfte in diesen Tagen aber auch die Realität für den Fotografen in Paris wirken. Der Kern von Delhourmes Arbeit versteckt sich hinter geschlossenen Türen. Schon im Frühjahr hat er diese Erfahrung gemacht: „Ich bin trotzdem manchmal unterwegs und versuche Menschen zu fotografieren. Aber es ist nicht dasselbe.“ Bilder von leeren Straßen ergänzen nun seine sonst so dynamischen Eindrücke. Diesen Zustand dauerhaft zu dokumentieren bringt dem Fotografen aber nichts, sagt er. Delhourme darf auch nur eine Stunde pro Tag an die frische Luft, sofern er keinen Auftrag hat. Schwierige Bedienungen für einen „Street Photographer“, besonders wenn dieser auf seine Mitmenschen angewiesen ist. Einen Presseausweis, der ihm mehr Zeit einräumen könnte, besitzt er auch nicht. Wie viele seiner Kollegen ist er nun frustriert. Von zu Hause arbeitet er deshalb an seinen Archiven. Ein kleiner Lichtblick: zum ersten Mal konnte Delhourme in diesem Jahr einen eigenen Bildband veröffentlichen. „Macadam Paname“ ist die Chronik seiner vergangenen Jahre und in seiner Karriere als Fotograf ein kleiner Meilenstein. Auch ein Bild aus dem Lockdown hat es hineingeschafft. „Für mich soll das Buch vor allem eine Hommage an die humanistische Fotographie sein“. In diesen Zeiten wird es aber vor allem zu einer kleinen Hommage an das Paris vor der Pandemie. Und ein hoffnungsvoller Ausblick auf die Jahre, die der Stadt bevorstehen.

Saladin Salem
M.A. Transnationaler Journalismus

Sowohl das Bildband als auch weitere Einblicke in die Arbeit von Laurent Delhourme finden Sie hier https://www.ld.photos.

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